Was für eine Erscheinung!
Leserzuschrift von Torsten Preußing am 01.11.2008
Ein Richter als Dichter und Komödiant in der Mark-Twain-Bibliothek
Marzahn Mitte - Der 29. Oktober 2008 wird in die Zeitgeschichte als schwarzer Mittwoch der Weltpresse eingehen, zumindest aber ihrer lokalen Marzahner Ableger. Als im FFM die Post abging, waren sie weg. Nur die Uhren tickten. Es ging auf 10 Uhr zu, da bei Pfarrer Siggelkow die Essenkessel für die hungernden und frierenden Kinder angefeuert werden. Ein beliebtes Pressemotiv.
In der Marzahner Promenade wird es zur selben Zeit gespenstisch leer. "Wo laufen sie denn?", spottet ein fürwitziger Junge, obwohl er selbst sieht, dass sie ans Ende der Promenade laufen. Dorthin, wo eine Frühstückstafel der besonderen Art Monat für Monat hocherwachsene Menschen in Verzückung versetzt. Das "Literarische Frühstück" der Bezirkszentralbibliothek, das Appetithäppchen, Crepes und Canapés aus Lyrik, Epik, Publizistik anzubieten weiß, also geistige Feinstkost.
Es ist immer noch nicht 10 Uhr. Lachend und scherzend versuchen die in Hundertschaftsstärke angerückten Naschkatzen so eine Art Zungenkitzler unter der Tischdecke auszumachen, doch mehr als die Uhrzeit finden sie nicht: 9.49 Uhr.
Im Bühnenhintergrund des Foyers erhebt sich Leben, im Vordergrund scheint eine Art Oberspielleiter aktiv zu werden. Auf dem Zentralplateau geben ein Lesetisch und eine Leselampe, sowie ein Stuhl und ein Mikrofon unmissverständlich zu erkennen, worum es hier geht. Um eine Lesung, um eine Vorlesung aus einem Buch, aus einem Stück Literatur eben.
9.54 Uhr. Dieser Oberspielleiter wuselt immer noch auf dem Podium. Fummelt am Mikrofon, schüttelt das kabellose Gerät, ohne zu bemerken, dass er die Sprechprobe immer dann macht, wenn er das Mikro gerade ausgeschaltet hatte. Aber was kann man von solch einem Laien schon noch erwarten?
10.01 Uhr. Jetzt hat er's doch noch gepackt: "Meine Damen und Herren, guten Tag, das glaubt mir niemand, morgens um 10.00 Uhr so viele Leute in einer Bibliothek gesehen zu haben."
Im Bühnenhintergrund schmunzelt Maike Niederhausen, die gefällige "Literaturmamsell" und Verkosterin an der Mark-Twain-Tafel. Sie macht den Eindruck, als würde sie noch auf ihren Gast warten. Der ist aber längst in seinem Element, an der Rampe in der Lesebühne.
Er gibt die "Flunkerstudie", wie man aus einer Bücherlesung großes Schauspiel macht. Der als Autor und Vorleser angekündigte Komödiant, Kabarettist und Kritiker heißt Rüdiger Warnstädt, war Strafrichter in Moabit und ist Erzähler der Geschichten darüber.
"Wissen Sie," spricht er seine Zuhörerschaft an, "ich hatte mit meiner theatralischen Ader immer eine Abneigung gegen so prosaische Ankündigungen gehabt wie 'der Richter kommt zum Prozess'. Ich bin da nie hingekommen, und ich wollte es auch nicht. Zeitlebens habe ich auf die Wahrung des kleinen Unterschieds bestanden. Der heißt für mich: 'Ich komme nicht, ich erscheine.'" Nach der persönlichen Begegnung verstehe ich. Klaro, bei der Erscheinung!
Als Mann ist Warnstädt eigentlich zierlich zu nennen. Seine Erscheinung erscheint indes wie das Gegenteil. Richter Rüdiger i.R. trägt auf dem Kopf eine Rasierpinselfrisur, bei der offenbar der Schaum an den Pinselspitzen kleben gelassen oder angeklebt wurde.
Er trägt auch Fliege. Groß, weiß, handgebunden - wie aus dem Fundus der "Fledermaus" geschnitten. Sie - die Fliege - ist Warnstädts Markenzeichen, ohne das "ein Erscheinen" selbst ihm bei Gericht kaum möglich gewesen wäre.
Welcher Verlust blieb dafür Deutschland erspart! Denn der hagere Schildwächter des Strafrechts ist nicht nur eine juristische Kapazität, sondern auch ein Bühnentalent verblüffender Art. Seine Mimik, Gestik, Diktion und Bewegungsfreude auf der Bühne stillten mein satirisches Verlangen, bereits aus vollem Halse zu lachen, auch wenn noch gar nichts Lachhaftes gesagt wurde.
Bei Warnstädt ist gewiss ein bisschen Piet Glocke drin und ein Hauch Didi Hallervorden. Vor allem aber winkt Harald Juhnke aus jeder Knopfleiste. Ich glaube fest, Strafrichter Rüdiger Warnstädt wäre ein überzeugender Juhnke-Ersatz. Selbst wenn er nicht dem Suff verfiele. Es stimmt alles an ihm, und er braucht es nicht einmal nachzuahmen.
Trotzdem stimmt an diesem Punkt der Vorstellung irgend etwas nicht.
Wir frühstücken literarisch, es ist 10.33 Uhr, endlich hat auch die offizielle Begrüßung des Richters und Dichters aus Moabit stattgefunden.
Der gepriesene Autor erklärt nun, er habe drei seiner gesammelten Werke hier zu stehen. "Was da drin steht, kann jeder selber lesen! Es ist mein gegorenes Gedächtnis. " Den unmittelbar darauf folgenden Geistesblitz schleudert Warnstädt sogleich ins Publikum. "Das sollten auch Sie machen! Schreiben Sie ihr Leben auf!", wirbt er. Wir alle hätten doch so unendlich viel erlebt. Das sei zu schade fürs Verbuddeln.
Auf der eigenen Lebensspur wandelnd, habe er das festgestellt. Immerhin musste er ganz schön buddeln, um an die charakteristischen Episoden in den Tiefen seiner Erscheinung heranzukommen. Er schaffte es und kann daher am eigenen Beispiel nachweisen - Zitat: "Es stimmt nicht, dass man nur Bundeskanzler werden kann, wenn man in der FDJ war. Ich war auch in der FDJ und schauen Sie, was aus mir geworden ist."
Rüdiger Warnstädt schmunzelt mit der Nase, verfügt über einen wortakrobatischen Sarkasmus und feixt mit diebischer Spottlust.
"Wie alt sind Sie eigentlich?", will er mal gefragt worden sein. Antwort: "Warten Sie, im Januar werde ich 102 Jahre alt." ----- ???
"Na nu gucken Sie doch nicht so bedeppert drein, ich weiß ja selbst, dass ich entschieden jünger aussehe!"
Die alte Spottdrossel, die sich noch heute darüber amüsiert, dass namentlich die Gerichtsverhandlungen überdurchschnittlich besucht wurden, die der Vorsitzende Richter Rüdiger Warnstädt leitete (Besucherstatus: von "ausgebucht" bis "überfüllt").
Grund: Die Besucher fühlten sich wie im großen Kabaretttheater. Fast jeder Prozess gestaltete sich zur Realsatire und malträtierte auch den letzten Lachmuskel.
Der heutige Bücherschreiber weiß aber auch, hart mit den eigenen Standesbrüdern und -schwestern zu streiten, sowie generell mit dem deutschen Justizsystem ins Gericht zu gehen. In dieser kritischen Grundhaltung liegt womöglich der Schlüssel seines Erfolges.
Denn es ist unübersehbar: Der Richter liebt seine kleinen Ganoven, nicht das System. Auch wenn er die Gauner einsperren lässt, könnte dahinter eine wohltätige Absicht stecken. (für manchen kann der Knast durchaus auch heißen, in Ruhe mal zwei Jahre lang, ein geregeltes Leben zu führen).
Im Mark-Twain-Frühstücksraum ist das nur ein Gedankenspiel, merken Warnstädts hingerissene Zuhörer.
Der Protagonist nutzt indes die Chance, erneut zu erscheinen, und zwar in einem Publikumswinkel. Thema: Wie löst ein Richter Verkrampfungen im Gerichtsverfahren? Antwort: Indem er auf die Menschen zugeht und nicht auf die Akten.
Wie zum Beweis hüpft der schreibenden Ex-Richter in die erste Publikumsreihe und weist mit seinem knochigen Zeigefinger auf einen beleibten Mann. Er fragt: "Sie sind der Angeklagte?" ... Doch er kommt nicht weiter. Das Auditorium ist in überschwänglichen Jubel ausgebrochen. Und am allerwenigsten Rüdiger Warnstädt konnte sich diese "Eruption" erklären.
Doch auch wenn er gewusst hätte, dass er bei seinem Sprung ins Publikum mit traumwandlerischer Sicherheit einen der populärsten "Marzahner Spitzbuben" am Haken hatte (Alt-Bürgermeister Dr. Harald Buttler), wäre er nicht in Ohnmacht gefallen.
Er ist souverän und sicher: "Sie wissen doch, meine Lieben, von meinen 102 Jahren habe ich 72 bei Gericht verbracht. Da haut mich nichts mehr um", spricht der Richter, der dafür aber selbst umwerfend bis zum Rumkugeln ist.
O Gott, es ist schon 12.30 Uhr, und alle "Frühstückler" würden am liebsten nahtlos zum Mittagbrot übergehen. Zum "Literarischen" versteht sich. Egal, was die "Weltpresse" daraus macht. Allein, was sie verpasste, wird uns noch lange Mumm geben.
Torsten Preußing
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