Story Teil 4 [Autor]
"Hm", sagte Hans-Hubert nachdenklich. "Ja, mir würde unser Wald auch fehlen. Aber vielleicht ist der Wald in Sverige ja noch viel schöner. Und wenn nicht, können wir ja immer noch zurückkommen."
"Stimmt auch wieder", sagte Gretel. "Gut, dann lass uns erst mal weitergehen."
Unterdessen versuchte der Vater, den Besitzer des "Lugi" doch noch zu überreden, die Familie in seinen Club zu lassen, denn sie hatten alle fürchterlichen Hunger.
"Es muss ja auch keine Pizza sein", sagte er. "Wir wären schon mit einem Käsebrot zufrieden. Die Kinder werden auch ganz brav sein. Nicht wahr, Kinder?"
"Ja, werden wir, ganz bestimmt", sagte Hans-Hubert. "Bitte, bitte, lassen Sie uns rein, Herr ...?"
"Hotzenplotz", sagte der Besitzer. "John Hotzenplotz. Und es tut mir wirklich leid, aber ich kann Sie nicht reinlassen."
"Aber wieso denn nicht?", fragte die Mutter. "Was für ein komischer Club ist das denn hier?"
"Wir sind der berühmteste und gleichzeitig geheimste Schwinger-Club des Landes", sagte Hotzenplotz stolz. "Schwinger aus aller Herren Länder kommen hierher. Gerade gestern war sogar der König von Schweden hier, aber ich musste ihn rausschmeißen, weil er sich nicht an die internationalen Schwinger-Regeln gehalten hat."
"Mama, was sind denn Schwinger?", wollte Anna wissen.
"Öh ... Also ... Na ja ...", stammelte die Mutter. "Das weiß ich jetzt auch nicht so genau."
"Das ist ganz einfach, Kleine", sagte Hotzenplotz. "Schwinger sind Leute, die gern schaukeln. In unserem Club gibt es ganz viele Räume mit den unterschiedlichsten Schaukeln, da können die Leute nach Herzenslust hin und her schwingen, so lang und oft sie wollen, allein oder zu zweit oder mit mehreren Leuten. Wir haben eine Schaukel, da passen sogar sechs Leute drauf."
"Ja, aber das ist doch perfekt für Kinder!", stellte der Vater fest. "Wieso lassen Sie denn keine rein? Die hätten doch einen Riesenspaß mit all den Schaukeln."
"Um sie zu beschützen", erklärte Hotzenplotz. "Sehen Sie, unsere Gäste gehören größtenteils der FSK an, und ..."
"Die Freiwillige Selbstkontrolle kommt zum Schaukeln hierher?", wunderte sich der Vater. "Ich dachte, die zensieren nur Filme und verbieten Musik mit Schimpfwörtern."
"Nein", sagte Hotzenplotz. "Das ist ein ganz anderer Verein. Bei uns steht FSK für Frei-Schaukel-Kultur."
Der Vater und die Mutter sahen sich verdutzt an und zogen die Augenbrauen nach oben.
"Ja, so ist es", sagte Hotzenplotz. "Bei uns schaukeln die Leute nackig, weil sie so den erfrischenden Luftzug beim Schwingen intensiver spüren können. Und deswegen dürfen auch keine Kinder rein. Wissen Sie, es gab da vor Jahren einmal einen tragischen Unfall. Damals durften Kinder noch unter Aufsicht der Eltern mit in den Club. Leider entfernte sich ein kleiner Junge von seiner Familie und geriet aus Versehen in den Raum, in dem Ottfried Fischer gerade schaukelte, wie Gott und eine Menge Cheeseburger mit Pommes ihn geschaffen haben."
"Ach du scheiße!", entfuhr es der Mutter und sie hielt sich entsetzt eine Hand vor den Mund.
"Sie sagen es", seufzte Hotzenplotz. "Der Junge ist auf der Stelle erblindet und kann seitdem keinen Satz mehr zu Ende sprechen. Tja, und deshalb lassen wir keine Kinder mehr rein, es ist einfach zu gefährlich, tut mir leid."
"Hm, das verstehen wir natürlich", sagte der Vater und strich sich nachdenklich übers Kinn. "Aber wie wäre es denn, wenn wir den Kindern einfach die Augen zubinden? Dann kann ihnen nichts passieren und wir könnten schnell etwas essen. Ich habe nämlich wirklich einen Riesenkohldampf, wissen Sie?"
Nun strich sich Hotzenplotz nachdenklich übers Kinn.
"Das Risiko wollen Sie tatsächlich eingehen?", fragte er zaghaft. "Ich meine, wir haben heute die Bundeskanzlerin zu Gast ..."
"Ohgottohgott!", schrie die Mutter panisch auf. "Die Merkel schwingt hier?! Das ist ja lebensgefährlich!"
"Keine Sorge", sagte Hotzenplotz mit beruhigender Stimme. "Sie hat ihren eigenen, hermetisch abgeriegelten und verdunkelten Raum. Es ist allerdings schon ein Mal vorgekommen, dass sich jemand vom Putzpersonal in der Tür geirrt und das Licht eingeschaltet hat. Die arme Frau hört seitdem nur noch auf zu schreien, wenn man ihr einen Schlauch in den Mund steckt und sie die Blubber-Blasen im Whirlpool machen lässt."
"Ach", seufzte der Vater sehnsuchtsvoll. "So ein Bad im Whirlpool wäre jetzt genau das Richtige für meine geschundenen Füße."
"Na, dann will ich mal nicht so sein", sagte Hotzenplotz. "Wenn Sie mir hoch und heilig versprechen, dass Sie den Kindern die Augen verbinden und auf sie aufpassen, dürfen Sie ausnahmsweise reinkommen und von mir aus auch gern den Whirlpool benutzen."
"Kein Problem, versprochen!", sagte der Vater erfreut und begann sofort damit, seine Schuhe auszuziehen. "Und hier habe ich auch schon etwas, womit wir den Kindern die Augen zubinden können! Kommt her, Kinder!"
Er verband Robert und Anna fest die Augen mit seinen Socken.
"Igitt!", sagte Anna und verzog angeekelt das Gesicht. "Das riecht ja wie der Brei von Mama!"
"Jetzt mecker hier nicht rum", erwiderte ihr Vater. "Gleich kriegst du ein Käsebrot, das riecht so ähnlich."
"Gut", sagte John Hotzenplotz, nachdem er sich vergewissert hatte, dass die Kinder nichts sehen konnten. "Dann kommt mal alle rein in die gute Stube."
Hans-Hubert und Gretel waren in der Zwischenzeit immer weiter gelaufen. Ihr Orientierungssinn war offensichtlich nicht der beste, sonst hätten sie schließlich bereits aus dem Wald gefunden, als ihre Eltern sie dort "vergessen" hatten.
"Puh", stöhnte Hans-Hubert. "Also, entweder ist der Wald größer, als wir gedacht haben, oder wir laufen die ganze Zeit im Kreis. So finden wir nie nach Sverige."
"Wir könnten doch einfach nach dem Weg fragen", schlug Gretel vor.
"Ja, genau", sagte Hans-Hubert in einem spöttischen Ton und zeigte seiner Schwester den Vogel. "Wir sind mitten in einem riesigen, einsamen Wald, Gretel. Wen willst du denn hier bitteschön nach dem Weg fragen? Die nächste Astgabel?"
"Nö", erwiderte Gretel trotzig. "Aber wie wäre es denn mit diesem nackigen Kerl mit der Krone auf dem Kopf da drüben?"
Sie zeigte mit den Fingern zwischen zwei Bäumen hindurch - und tatsächlich! Dort stand ein Mann, der bis auf eine Krone auf dem Kopf nichts am Leibe trug!
"Nicht hingucken!", sagte Hans-Hubert und hielt seiner Schwester schnell die Augen zu. "Das ist nichts für dich! Der ist bestimmt pervers!"
"Was heißt denn pervers?", wollte Gretel wissen.
"Das weiß ich auch nicht genau", antwortete Hans-Hubert. "Aber das hat Mama immer über Onkel Rumpelstilzchen gesagt, also kann es nichts Gutes sein."
"Ach, Quatsch", sagte Gretel und schob Hans-Huberts Hände von ihren Augen. "Der sieht doch ganz sympathisch aus. Außerdem hat er eine Krone, und wer eine Krone hat, führt bestimmt nichts Böses im Schilde. Komm, wir gehen hin und fragen ihn, ob er den Weg nach Sverige kennt."
Bevor Hans-Hubert seine Schwester aufhalten konnte, stapfte sie schon los. Er folgte ihr.
"Entschuldigen Sie bitte", sprach Gretel den Mann an. "Kennen Sie vielleicht den Weg nach Sverige? Da wollen wir nämlich hin, mein Bruder und ich."
"Sverige?", wiederholte der Mann und bekam ganz große Augen. "Was für ein Zufall, da will ich auch hin! Ich bin nämlich der König von Sverige!"
"Ja, genau", sagte Hans-Hubert und verdrehte dabei ungläubig die Augen. "Und ich bin der König von Taka-Tuka-Land."
Der angebliche König von Sverige ignorierte diese Bemerkung und gab Gretel höflich die Hand.
"Carl Gustaf, mein Name", stellte er sich vor.
"Hallo, Carl Gustaf", sagte Gretel. "Ich bin Gretel, und das ist mein Bruder Hans-Hubert."
"Hey, Sie!", sprach Hans-Hubert ihn an. "Wenn Sie wirklich der König von Sverige sind, wieso sprechen Sie dann deutsch und nicht sverigisch?"
"Schwedisch", verbesserte ihn Carl Gustaf. "Bei uns spricht man schwedisch. Aber meine Frau ist Deutsche, und sie schimpft immer auf Deutsch mit mir, da habe ich einiges aufgeschnappt, du treuloser Schweinehund."
"Und wieso haben Sie keine Klamotten an?", hakte Hans-Hubert nach.
"Oh, das ist eine längere Geschichte", sagte Carl Gustaf. "Ich habe gegen ein paar Regeln der FSK verstoßen und wurde rausgeworfen. Leider hat man meine Kleidung dabehalten und mein Handy steckt in meiner Hosentasche, deshalb kann ich meinen Königlichen Hubschrauberpiloten nicht anrufen, damit er mich abholt. Habt ihr vielleicht ein Handy?"
"Nein, tut mir leid", sagte Gretel. "Wir haben mal eins gefunden, aber hier gibt’s sowieso keinen Empfang."
"Wisst ihr, was?", sagte Carl Gustaf. "Wenn ihr mir helft, ein Telefon mit Empfang zu finden, nehme ich euch mit in mein Königreich. Na, was haltet ihr davon?"
Hans-Hubert packte seine Schwester am Ärmel und zog sie ein paar Schritte zur Seite.
"Mit dem gehen wir nirgendwo hin", flüsterte er ihr zu. "Der hat ja wohl ganz offensichtlich einen an der Murmel. Der ist allerhöchstens König von den Pickeln an seinem Hintern."
"Also, ich finde ihn sehr nett", flüsterte Gretel zurück. "Und wenn er die Wahrheit sagt, kommen wir ganz schnell nach Sverige."
Hans-Hubert strich sich nachdenklich durch die Haare.
"Na gut", sagte er nach einer Weile. "Aber zu allererst besorgen wir ihm mal eine Hose, das gucke ich mir nämlich nicht die ganze Zeit lang an."
Die beiden gingen zurück zu Carl Gustaf.
"Abgemacht", sagte Gretel. "Wir helfen Ihnen."
"Sehr schön, vielen Dank", sagte Carl Gustaf. "Dann mal los. In welche Richtung müssen wir?"
Wir sagen Danke
Wir möchten an dieser Stelle nicht versäumen, den zahlreichen Sponsoren dieses Projektes für ihre finanzielle Unterstützung zu danken:
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