Story Teil 2 [Autor]

Das riecht ja wie die Füße der alten Hexe, die wir verbrannt haben."

Hans-Hubert und Gretel waren Geschwister. Ihre Eltern hatten sie vor einiger Zeit bei einem Sonntagsfamilienausflug - man munkelt, es sei Absicht gewesen - im Wald vergessen.

Eine Zeit lang waren sie bei einer kauzigen alten Schachtel untergekommen, die sich allerdings als Kannibalin entpuppte und so - man weiß genau, dass es Absicht war - in ihrem eigenen Ofen einer Feuerbestattung zum Opfer fiel.

Da dabei leider auch ihr mit alten Lebkuchen verzierter (die Alte war echt komplett irre) Bungalow in Flammen aufgegangen war, lebten Hans-Hubert und Gretel seitdem im Wald, denn zu ihren Eltern wollten sie auf gar keinen Fall zurück - nie wieder Sonntagsfamilienausflüge!

Und so übel war es auch gar nicht, im Wald zu leben. Sie hatten sich ein kleines Fort aus illegal im Wald entsorgten Kühlschränken und Waschmaschinen gebaut - die Kühlschränke funktionierten im Winter sogar, nur hatten sie leider nicht viel, was sie dort hätten kühlen können.

Unter der Woche bestand ihre Ernährung hauptsächlich aus Tannenzapfen und Brennnesselsuppe - gäbe es nicht den einen oder anderen Regenwurm oder Hirschkäfer als Snack zwischendurch, hätte man sie getrost als Vegetarier bezeichnen können.

Einzig die Sonntage boten manchmal eine kulinarische Abwechslung, wenn man Sonntagsfamilienausflügler erschrecken und sich über ihr zurückgelassenes Essen hermachen konnte - so wie an diesem Sonntag.

"Gib mal her", sagte Hans-Hubert zu seiner Schwester und roch an dem seltsamen Brei. "Pfui Teufel. Nimm das bloß nicht in den Mund. Das kann nichts zum Essen sein, so wie das müffelt."

Er nahm eine Handvoll Brei und fing an, daran herum zu kneten.

"Das fühlt sich an wie Beton, kurz bevor er hart wird", stellte er fest, während seine Schwester den Picknickkorb verzweifelt nach Essenresten durchsuchte, die tatsächlich essbar waren.

"Mist, absolut nichts da", sagte sie. "Was für eine komische Familie ist das denn, die nur stinkenden Beton zum Futtern mitnimmt?!"

"Vielleicht waren die auch nur hier, um ihre Kinder zu vergessen", bemerkte Hans-Hubert, während er weiter den Brei knetete.

"Grunz, grunz, grunz! Grunz, grunz! Grunz!", ertönte es plötzlich hinter ihm.

"Sehr witzig, Gretel", sagte er. "Du glaubst doch nicht im Ernst, dass du mich damit verarschen kannst."

"Hans-Hubert!", schrie Gretel entsetzt auf. "D-d-d-da! M-m-mach was!"

Hans-Hubert drehte sich um und sah ein riesiges Wildschwein direkt vor seiner Schwester stehen. Es schnaufte wie rasend und stampfte angriffslustig mit den Hufen.

Hans-Hubert reagierte blitzschnell. Er wog den betonharten Breiklumpen in seiner Hand ab, nahm Maß, holte aus und feuerte ihn dem Wildschwein direkt zwischen die Augen, das daraufhin mit einem verdutzten "Grunz?" tot umfiel.

"Na also", sagte Hans-Hubert und klatschte selbstzufrieden in die Hände. "Ich wusste doch, dass dieses Zeug noch für irgendwas gut sein würde. Komm, lass uns Feuerholz suchen."

Zwei Stunden später warf Hans-Hubert laut rülpsend eine abgenagte Wildschweinkeule hinter sich und rieb sich genüsslich den Bauch.

"Hmmm, das war gut", sagte er und wendete sich an seine Schwester, die gerade herzhaft in ein Wildscheinkotelett biss. "Hast du mal eine Serviette?"

Gretel ließ sich nur ungern beim Essen stören und griff leicht genervt blind neben sich in den Picknickkorb. Sie zog etwas heraus und warf es ihrem Bruder zu.

Kurz bevor Hans-Hubert sich damit den Mund abputzte, brach er ab und betrachtete sich das, was er in der Hand hielt.

"Was ist das denn?", wunderte er sich und faltete die vermeintliche Serviette auf, die dabei immer größer wurde.

"Schuper!", nuschelte Gretel an ihrem Kotelett vorbei. "Die reischt locker für unsch beide!"

"Das ist gar keine Serviette, Gretel", stellte Hans-Hubert fest. "Das ist eine Landkarte. Hast du schon mal etwas von einem Land namens Sverige gehört?""Nö", antwortete Gretel und zuckte teilnahmslos mit den Schultern.

"Guck mal", sagte ihr Bruder und streckte ihr die Karte entgegen. "Da ist ganz viel grün. Das ist bestimmt alles Wald. Sverige ist offenbar ein riesiger Wald, mindestens zehnmal so groß wie unserer. Was hältst du davon, wenn wir umziehen? Nach Sverige. In so einem großen Wald gibt es bestimmt jede Menge Regenwürmer. Und die Sonntagsausflügler dort essen bestimmt keinen Betonbrei. Hm, was meinst du?"

"Von mir aus", sagte Gretel und rülpste so laut, dass sämtliche Waldvögel erschreckt losflatterten. "Ein Tapetenwechsel kann nie schaden. Aber wie kommen wir dahin?"

Wir sagen Danke

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