Story Teil 16 [Autor]

Obwohl im Rest des Landes Hochsommer mit Temperaturen von über dreißig Grad herrschte, schaufelte Rupert Holle wie jeden Morgen vor der Einfahrt zu seiner KFZ-Werkstatt Schnee.

So sehr er seine Frau auch liebte, manchmal ging ihm ihre Zwangsneurose doch ganz schön auf die Nerven. Hildegard Holle war eine zwanghafte Bettdecken-Ausschüttlerin.

Den lieben langen Tag lang stand sie am Fenster ihres Schlafzimmers und schüttelte die Bettdecke aus, was an sich ja noch kein Problem gewesen wäre, aber immer, wenn sie dies tat, fing es an zu schneien und Rupert musste tonnenweise Schnee schippen.

Aber er wollte sich nicht beklagen, denn das hatte er bereits vor der Hochzeit gewusst, und eigentlich liebte er seine Frau auch genau so, wie sie nun einmal war, aber seit sie vor einigen Jahren nach Amerika ausgewandert waren, hatte sich alles verändert.

Das fing bereits mit seinem Namen an. Da er ohne Nachnamen aufgewachsen war, hatte er den seiner Frau angenommen und es auch nie bereut, aber kein einziger Amerikaner hatte seinen Vornamen aussprechen können und so musste er ihn schweren Herzens ändern - Rupert hieß eigentlich Rumpelstilzchen.

Freiwillig waren er und seine Frau Hildegard, die er bei einem Treffen der Anonymen Zwangsneurotiker kennengelernt hatte, nicht aus Deutschland ausgewandert.

Rupert neigte dazu, unbekleidet auf Kinderspielplätzen zu schaukeln und war deswegen des Öfteren als Perverser angezeigt worden und mit dem Gesetz in Konflikt geraten.

Als er dann auch noch einen offiziellen Club für Gleichgesinnte gegründet hatte, stand ihm eine lebenslange Gefängnisstrafe bevor.

Den Gedanken nicht ertragend, für immer getrennt zu werden, entschloss sich das Ehepaar Holle schweren Herzens vor den Behörden nach Amerika zu flüchten.

Da auf ihrem Flucht-Tandem aber nur Platz für zwei war, mussten sie ihre beiden Kinder in Deutschland zurücklassen.

Rupert wusste genau, dass seine Flucht von den Medien brutal ausgeschlachtet werden würde, und weil er seinen Kindern das Mobbing in der Schule ersparen wollte, setzten er und Hildegard ihre Zöglinge kurzerhand bei einem Sonntagsausflug im Wald aus - besonders schwer fiel ihnen das wider Erwarten nicht, denn der Junge war ein nerviger Klugscheißer und das Mädchen eine kleine Heulsuse.

In Amerika angekommen eröffnete Rupert sogleich eine KFZ-Werkstatt. Er war sehr geschickt mit den Händen und baute sich schnell einen großen Kreis von Stammkunden auf, die ihre Autos nur von ihm reparieren ließen und sich die Wartezeit sehr gern unbekleidet auf der Schaukel in Ruperts Büro vertrieben.

Alles lief bestens, die Werkstatt brachte genug Geld für ein sorgenfreies Leben ein. Und auch gesundheitlich ging es Rupert und Hildegard so gut wie nie zuvor, denn im Land der unbegrenzten Möglichkeiten konnten beide ihre Neurosen völlig ohne Zwang frei ausleben.

Das Leben war perfekt - bis Hildegard plötzlich immer wieder in tiefe Depressionen verfiel.

"Ach", seufzte sie eines Morgens beim Bettdecken-Ausschütteln. "Wer wird bloß die Decke ausschütteln, wenn ich einmal zu alt dafür bin?"

"Keine Sorge", sagte Rupert zu ihr. "Dann stellen wir eine illegale Ausschüttel-Frau aus Mexiko an."

"Das ist doch nicht dasselbe", seufzte Hildegard weiter. "Die machen das nicht richtig, das kann man nicht lernen. Die Kunst des Bettdecken-Ausschüttelns ist leider nur von einer Generation zur nächsten vererbbar. Ich will ein Kind, Rupert. Machst du mir ein Kind?"

Rupert, der seiner Frau eigentlich liebend gern jeden Wunsch von den Augen ablas und erfüllte, legte die Schneeschaufel beiseite. Nun war es an ihm zu seufzen.

"Tut mir leid, Liebling", sagte er. "Ich war gestern bei Dr. Doolittle. Er hat festgestellt, dass mich das jahrelange Schaukeln impotent gemacht hat."

Jetzt seufzten beide und schwiegen eine ganze Zeit lang.

"Hatten wir nicht mal Kinder?", fragte Hildegard schließlich mit skeptischer Miene. "Ich meine, mich da dunkel an zwei kleine Quälgeister erinnern zu können."

"Ja, stimmt", sagte Rupert. "Jetzt, wo du’s sagst, da war mal was."

"Weißt du noch, wie sie hießen?", fragte Hildegard.

"Es liegt mir auf der Zunge", antwortete Rupert. "Aber ich komm nicht drauf."

"Ist ja auch egal", seufzte Hildegard. "Die finden wir sowieso nicht wieder. Wir haben sie ins Meer geworfen, oder?"

"Nein, im Wald ausgesetzt", sagte Rupert. "Aber frag mich nicht, wo."

"Hach, irgendwie hätte ich sie schon ganz gern wieder", sagte Hildegard. "Ich könnte schon dringend Hilfe im Haushalt gebrauchen. Und der Junge könnte dir in der Werkstatt zur Hand gehen."

Rupert wusste, dass sie Recht hatte. Sehr lang würde er die schweren Arbeiten in der Werkstatt nicht mehr allein bewältigen können.

Außerdem ertrug er es nicht, seine Frau dermaßen traurig zu sehen. Aber was konnte er tun?

Er hatte zwar den Wunsch, seine Kinder zurück zu kriegen, einer angeblich einflussreichen Poker-Bekanntschaft gegenüber geäußert, aber das war bereits über zwei Wochen her, und obwohl dieser Typ versprochen hatte, sich darum zu kümmern, war nichts passiert.

"Blöder Jesus, blöder", schimpfte er leise vor sich hin, während er den Schnee von der Einfahrt schaufelte. "Großes Maul und nichts dahinter. Mit dem pokere ich nie wieder."

In diesem Augenblick schoss ein heller Strahl vom Himmel und blendete Rupert. Es polterte und schepperte und krachte laut.

Als Rupert die Augen wieder öffnete, stand ein ihm bekannter LKW direkt vor seiner Einfahrt und begrüßte ihn fröhlich hupend.

Auf dieser Seite kommt der Begriff Medien vor, der im Wörterbuch in leichter Sprache erklärt wird.

Auf dieser Seite kommt der Begriff Medien vor, der im Wörterbuch in Standardsprache erklärt wird.

Wir sagen Danke

Wir möchten an dieser Stelle nicht versäumen, den zahlreichen Sponsoren dieses Projektes für ihre finanzielle Unterstützung zu danken:

Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf.
Amt für Bildung und Kultur

Förderverein der Stadtbibliothek Marzahn-Hellersdorf e.V.

Schreibende Schüler e.V..
Lützowstraße 33
10785 Berlin

EKZ Bibliotheksservice GmbH.
Postfach 1542
72705 Reutlingen

cantus.
Buch- und Musikalienhandlung
Kantstraße 139
10623 Berlin

Buchhandlung im KIK
Marzahner Promenade 37
12679 Berlin

3W-Media Marketing GmbH.
Marzahner Promenade 47
12679 Berlin

Carmen Winter.
Dozentin für kreatives Schreiben
Große Müllroser Str. 71
15232 Frankfurt (Oder)

Antje Püpke.
Designerin und Illustratorin
Grottkauer Str. 35
12621 Berlin