Story Teil 10 [Autor]
"Das sieht hier aber nicht aus wie Schweden!"
Als der Rauch sich verzog, blickte die Familie auf einen Mann in einem Hello-Kitty-Jogginganzug - auf seinem Schoss saß ein kleines, rosa Schweinchen. Als es Gerhard und den Rest der Familie sah, fing es plötzlich panisch an zu quieken.
"Das sind sie!", quiekte es in einer ohrenbetäubenden Lautstärke. "Das sind die Terroristen, die mich in ein Schwein verwandelt haben!"
"Ey, Alder!", rief Orkan, der Dönerbudenbesitzer, hinter seinem Tresen hervor. "Wenn de Schawein da ned gleich aufhört zu schreie, mach isch Billig-Döner draus!"
Er wedelte bedrohlich mit einem Fleischermesser in Richtung Carl Gustaf, der schützend seine Arme um Angela Merkel legte.
"Das ist kein Schwein", erklärte er. "Das ist die Bundeskanzlerin."
Orkan kam mit seinem Messer hinter dem Tresen hervor und ging auf Carl Gustaf zu.
"Willsdu misch verarsche, Alder?", fragte Orkan. "Des is doch ned die Bundeskanzlerin, des is Frischfleisch. Willsdu verkaufe? Isch geb dir acht Euro fünfzisch."
"Nein!", quiekte das Merkel-Schweinchen panisch auf.
"Na gut", sagte Orkan. "Geb isch dir neun Euro zwanzisch, is aber letztes Angebot."
"Die Bundeskanzlerin ist nicht verkäuflich!", sagte Carl Gustaf entrüstet.
"Es tut mir sehr leid, Frau Merkel", mischte Gerhard sich ein. "Ich wollte sie nicht wegzaubern, das war ein Reflex. Mein Zeigefinger reagiert leider äußerst allergisch auf Politiker."
"Was, Alder?", wendete sich Orkan an ihn. "Fängst du auch noch an? Des ist doch ned die Bundeskanzlerin, des is ne kleine Sau!"
"Hey!", beschwerte sich Angela quiekend. "Keine Beleidigungen hier! Wir sind doch nicht im Bundestag!"
"Alder, krass!", sagte Orkan und sah dem Merkel-Schweinchen prüfend ins Gesicht. "Des is ja wirklich die Bundeskanzlerin!"
Der Rest der Anwesenden nickte ihm bestätigend zu.
"Okay, dann pass ma auf, Frau Bundeskanzlerin, Alder", fuhr Orkan fort. "Wenn de schon ma hier bist: Mach doch ma endlich was für de Migration und so. Weissde, so mehr Geld für de Schule un ned immer nur für de Verbrecher von de Bank un de Atomkraft. Un dann kannsde auch gleich noch ne Million für de Stadtbibliothek in de Marzahn locker mache, da wohn isch nämlich, un die brauche endlich ma wieder neue Bücher, die andere hab isch schon alle zweima gelese. Machsde des, Frau Bundeskanzlerin, Alder?"
"Ich würde Ihnen ja wirklich gern helfen", seufzte Angela. "Aber so wie ich jetzt aussehe, nimmt mich im Plenum doch keiner ernst."
"Worauf wartest du noch, Alder?", forderte Orkan Gerhard auf. "Zauber die Frau Bundeskanzlerin wieder zurück!"
"Äh... Na ja... ", sagte Gerhard und kratzte sich dabei verlegen am Hinterkopf. "Ich fürchte, das ist nicht so einfach. Ich kann nur Leute wegzaubern. Und bis jetzt sind sie auch immer so zurückgekommen, wie sie vorher waren. Ich habe keine Ahnung, was da passiert ist."
Anna flüsterte Robert etwas ins Ohr und beide fingen an leise zu kichern.
Orkan strich sich nachdenklich über seinen 3-Tage-Bart, dann hatte er eine Idee.
"Alder, ich weiß, was wir mache!", sagte er freudig erregt. "Wir müsse de Frau Bundeskanzlerin nur fett krass auf de Kopf haue, dann wird se wieder normal! Hab isch gelese in de Zeitung mit de Bild!"
"Nein", sagte Aurore und schüttelte den Kopf. "Das funktioniert nur bei Amnesie, wenn jemand vergessen hat, wer er ist."
"Sag isch doch, Alder!", erwiderte Orkan. "De Körper von de Frau Bundeskanzlerin hat vergesse, dass er ne Frau is, darum haue wir jetzt auf den Kopf von de Körper un der erinnert sich dann wieder un alles is fett krass in Ordnung. Wart, isch hol nur schnell de Hammer!"
Orkan verschwand kurz hinter dem Tresen und kam mit einem Fleischklopfer in der Hand wieder zurück.
"Alles klar, Alder!", sagte er und wendete sich an Carl Gustaf. "Du hältst se fest un isch hau zu!"
"Äh... Moment mal", meldete sich Schweinchen Angela zu Wort. "Mich fragt hier niemand, oder was?"
"Ach, mussdu keine Angst habe, Alder", sagte Orkan und streichelte ihr beruhigend über die Schwarte. "Tut nur ganz kurz weh. Un vielleicht siehsde danach ja sogar besser aus als vorher und guckst nicht mehr wie ne krass schlechtgelaunte Seekuh."
"Besser als vorher?", sagte das Merkel-Schweinchen und ein Lächeln breitete sich über sein Gesicht aus. "Na gut, dann macht mal!"
Carl Gustaf fixierte die Bundeskanzlerin zwischen seinen Beinen. Orkan holte mit dem Fleischklopfer weit aus. Angela sah den Hammer auf sich zuschießen und schloss schnell die Augen.
Währenddessen suchten Hans-Hubert und Gretel immer noch verzweifelt nach einer Möglichkeit, um zurück nach Hause zu kommen. Mit Carl Gustaf hatte sich leider auch das Geld aus dem Staub gemacht - zwei Fahrkarten zurück konnten sie sich also nicht leisten.
"Dann müssen wir wohl laufen", seufzte Gretel.
"Spinnst du?!", sagte Hans-Hubert und zeigte seiner Schwester den Vogel. "Weißt du, wie weit das ist? Da sind wir nächste Woche noch nicht da!"
"Hast du etwa eine bessere Idee?", fragte Gretel.
Hans-Hubert schüttelte den Kopf.
"Na also", sagte seine Schwester und griff nach seiner Hand. "Komm, wir laufen erst mal los. Vielleicht fällt uns ja unterwegs noch etwas ein."
Widerwillig trottete Hans-Hubert seiner Schwester hinterher.
Die beiden waren schon eine ganze Weile eine nicht sehr stark befahrene Landstraße entlang gelaufen, als Hans-Hubert plötzlich von einer Wespe in den Daumen gestochen wurde.
"Aua!", rief er. "Verdammtes Mistviech!"
Der Daumen wurde sehr schnell dick und fühlte sich ziemlich heiß an, also streckte Hans-Hubert ihn beim Laufen zur Seite, um ihn zu kühlen. Plötzlich ertönte ein lautes Reifenquietschen. Ein Lastwagen hielt direkt neben ihnen an. Der Fahrer ließ die Scheibe auf der Beifahrerseite herunter surren.
"Soll ich euch mitnehmen?", rief er Hans-Hubert und Gretel zu.
Man konnte den Mann im Halbdunkel auf der Fahrerseite nicht richtig sehen, aber die Stimme klang durchaus sympathisch.
"Wo fahren sie denn hin?", fragte Gretel trotzdem skeptisch.
"Egal, wohin ihr wollt", sagte der Fahrer. "Von mir aus einmal um die ganze Welt."
"Wir wollen eigentlich nur nach Hause", sagte Gretel.
"Na gut, dann fahre ich euch eben dahin. Kommt, steigt ein."
Gretel und ihr Bruder warfen sich kurz einen fragenden Blick zu, dann nickten beide und stiegen in den LKW.
"Mann, diese Kopfschmerzen sind echt mörderisch", stöhnte die Bundeskanzlerin unterdessen.
Sie war wieder ganz die alte, die Sache mit dem Fleischklopfer hatte zur Überraschung aller (außer Orkan) tatsächlich geklappt - wenn auch erst beim vierten Versuch.
Leider hatte sich das mit dem besseren Aussehen nicht bewahrheitet, sie sah genauso aus wie vor der Verwandlung - und das auch noch nackt. Orkan hatte direkt nach der Rückverwandlung schnell eine Tischdecke über sie geworfen, damit niemand zu Schaden kam. In der Zwischenzeit hatte er ihr aber eine Kittelschürze von seiner Mutter besorgt, die ihr ganz ausgezeichnet stand, wie alle fanden.
"Warte, Frau Bundeskanzlerin, Alder!", sagte Orkan, holte zwei Eispacks aus seiner Tiefkühltruhe und legte sie Angela auf den Kopf. "Mussdu kurz festhalte! Bin gleich wieder da!"
Kurz darauf kam er mit einem Kopftuch in der Hand zurück.
"Is auch von meine Mama", sagte er und zog Angela das Kopftuch über, um die Eispacks zu fixieren. "Mussdu gut drauf aufpasse un bloß ned dreckig mache!"
Als er die beiden Enden des Kopftuches unter ihrem Kinn festgezurrt hatte, trat er drei Schritte zurück und betrachtete sich die Bundeskanzlerin einen Moment lang in aller Ruhe.
"Weissdu, wie du jetzt aussiehst, Alder?", fragte er grinsend. "Du bist jetzt ned mehr die Frau Merkel, du bist die Frau Mürkel!"
Alle fingen lauthals an zu lachen, auch die Bundeskanzlerin. Doch plötzlich flog die Tür der Dönerbude laut an die Wand krachend auf und allen blieb das Lachen im Halse stecken. Es war Hotzenplotz - und er hatte eine ganze Horde Schwinger mitgebracht.
"Da ist ja diese Teufelsbrut!", schrie Hotzenplotz und zeigte auf Gerhard, Aurore und die Kinder. "Auf sie mit Gebrüll! Schnappt sie euch! Den Türken und seine Mutter könnt ihr in Ruhe lassen, die haben mit der Sache nichts zu tun!"
Hotzenplotz wollte sich gerade auf Gerhard stürzen, aber Orkan stellte sich ihm in den Weg.
"Was willsdu, Zottelbart, Alder?", fragte Orkan und rollte provozierend seine Hemdsärmel nach oben. "Hab isch ja wohl was mit de Sache zu tun, wenndu verkloppe willst meine Kundschaft! Keiner verkloppt meine Kundschaft, außer de Orkan selbst, wenn’s ma sein muss!"
Die beiden standen sich nun ganz dicht gegenüber, ihre Nasen berührten sich fast, die Luft knisterte förmlich vor Spannung.
Auf dieser Seite kommt der Begriff Stadtbibliothek vor, der im Wörterbuch in Standardsprache erklärt wird.
Auf dieser Seite kommt der Begriff Stadtbibliothek vor, der im Wörterbuch in leichter Sprache erklärt wird.
Wir sagen Danke
Wir möchten an dieser Stelle nicht versäumen, den zahlreichen Sponsoren dieses Projektes für ihre finanzielle Unterstützung zu danken:
Bezirksamt Marzahn-HellersdorfAmt für Bildung und Kultur
Förderverein der Stadtbibliothek Marzahn-Hellersdorf e.V.
Schreibende Schüler e.V.
Lützowstraße 33
10785 Berlin
EKZ Bibliotheksservice GmbH
Postfach 1542
72705 Reutlingen
cantus
Buch- und Musikalienhandlung
Kantstraße 139
10623 Berlin
Buchhandlung im KIK
Marzahner Promenade 37
12679 Berlin
3W-Media Marketing GmbH
Marzahner Promenade 47
12679 Berlin
Carmen Winter
Dozentin für kreatives Schreiben
Große Müllroser Str. 71
15232 Frankfurt (Oder)
Antje Püpke
Designerin und Illustratorin
Grottkauer Str. 35
12621 Berlin

