Erlebnisbericht zum Projekt Lebende Bücher

Neue Medien in der Bibliothek oder wie es ist, sich ein "Lebendes Buch" auszuleihen.

Es war der Freitag, 20. April 2007, als die Bezirkszentralbibliothek Mark Twain in Berlin Marzahn-Hellersdorf Bibliotheksgeschichte schrieb. Sie eröffnete den UNESCO-Welttag des Buches mit einem für Berlin einmaligem Projekt "Lebende Bücher".

Nach einer aus Skandinavien stammenden Projektidee lud die Bibliothek "Lebende Bücher" und deren Entleiher zum Dialog ein.

Die "Lebenden Bücher" waren unter anderem die Bezirksbürgermeisterin von Marzahn-Hellersdorf in Berlin, ein Diplomatischer Korrespondent, der Leiter vom Afrika-Haus Berlin, der Marzahner Müller, eine Mitarbeiterin vom Tierheim, ein Paralympic Athlet, um nur einige zu nennen.

Alle zusammen haben gemeinsam, dass sie ein bestimmtes Lebenskonzept verfolgen oder für eine besondere Sache engagiert sind. So kennt man diese Menschen vielleicht, hat von ihnen gehört, aber befragen …? Hemmnisse traten zu Tage.

Die wenigste Scheu hatten die Kinder. So eröffneten den Projekttag Kinder einer 5. Klasse, die von Ihrer Lehrerin sehr gut vorbereitet waren. Sie hatten so viele Fragen und wollten sich gar nicht trennen, ohne auch die letzte Unklarheit beseitigt zu haben. Die Aktion wird im Unterricht nachbereitet. Es soll eine Auswertung in Form von Tafeln geben. Möglicherweise stellen wir das in der Bibliothek aus.

Es zeigte sich dabei, dass auch schwierige Themen gut bearbeitet wurden wie z.b. die Arbeit des Diplomatischen Korrespondenten, der viel aus seiner Kinder-und Jugendzeit erzählte und wie er zu diesem Beruf kam.

Die nächsten zwei Stunden waren für 11. Klassen reserviert. Die Jugendlichen waren eher unvorbereitet, fanden sich aber schnell in die Themen ein und vertieften sich rege in Gespräche mit den „Lebenden Büchern“. Für die Klassen gab es Gruppengespräche, jeweils 3-4 Kinder und Jugendliche befragten ein „Lebendes Buch“. Die Jugendlichen fanden diese Art der Begegnung, gerade in einer Bibliothek, etwas völlig Neues, Lockeres. Man hat uns berichtet, dass die Aktion noch über Stunden Thema auf dem Schulhof war.

Jeder Besucher und jedes "Lebende Buch" füllte im Anschluss an das Gespräch einen kurzen Fragebogen aus. Die Fragebögen werden ausgewertet. Das Ergebnis wird in der Diplomarbeit von Niko Schachner, Student an der Fachhochschule Potsdam - Fachrichtung Bibliotheken, zu lesen sein. Nach Abschluss der Arbeit werden wir die Ergebnisse auch in der bibliothekarischen Fachpresse publizieren.

Es folgten die Einzelgespräche. Einzelgespräche, Begegnungen Auge in Auge erfordern Mut. Interessierte Menschen erzählten uns, dass sie sich einfach nicht trauen, einen fremden Menschen zu befragen.

Letztendlich gab es so viele Mutige, dass "Lebende Bücher" länger blieben als geplant, dass sich Menschen zu Gruppen ganz zwanglos zusammen fanden, heftig in Gespräche vertieft. Man konnte kaum mehr aufhören mit dem Lesen im "Lebenden Buch", auch nicht als Stefanie Gercke, prominentes Lebendes Buch ihren Roman "Feuerwind" vorstellte. Kein Platz der Bibliothek blieb ungenutzt, am Ende sollten es 1400 Besucher sein. Rekord für einen Tag!

Für die Bibliothek war es die Möglichkeit, sich als Ort der Bildung, Kultur, der Begegnung und Kommunikation zu präsentieren. Das gegenseitige Kennenlernen erschütterte so manches Vorurteil oder auch ein seit langem gehegtes Klischee.

Mit dieser Aktion haben wir Menschen erreicht, die nie zuvor eine Bibliothek betreten haben. Wir sind mit ihnen ins Gespräch und in Diskussion gekommen, haben Wünsche und Erwartungen erfragt und neue Impulse für unsere Arbeit bekommen.

Auch im Gespräch mit den Lebenden Büchern ergaben sich Ansätze für zukünftige Zusammenarbeit bei Veranstaltungen und Ausstellungen.

Das Projekt hatte zahlreiche Unterstützer gefunden, den Förderverein der Stadtbibliothek Marzahn-Hellersdorf e.V., InWent gGmbH, die Jugendkampagne „Alle anders-alle gleich“ und die Buchhandlung im KIK.

Stefan Komoß, Stadtrat für Bildung, Kultur und Sport, lobte die Initiative der Bibliothek bei seiner Eröffnungsrede als ein Meilenstein bei der Entwicklung einer Zukunftsvision für Öffentliche Bibliotheken.

Zur Beobachtung und Berichterstattung waren zahlreiche Vertreter der Presse vor Ort, darunter von der Tageszeitung Neues Deutschland und dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels.

Das ZDF drehte für die Sendung "Sonntags", wollte reisserisch berichten. Allerdings hatten wir Ihnen bereits im Vorfeld erklärt, dass unser Konzept nicht auf Konflikt aus ist, sondern auf Dialog setzt. Da ihnen die "Lebenden Bücher" zu wenig Randgruppe erschien und auch die potentiellen Entleiher nicht das nötige Kontra aufwiesen, waren sie einen Tag vorher in der Umgebung der Bibliothek unterwegs, um „spezielle“ Interviewpartner zu gewinnen. Tatsächlich kamen 6 Jugendliche (vom ZDF bezahlt), die noch nie in der Bibliothek waren, noch nie einen Afrikaner persönlich gesprochen haben oder über Einschränkungen eines Rollstuhlfahrers nachdachten. Vorurteile taten sich schon nach wenigen Momenten auf, als nämlich Uwe Hoppe, Rollstuhlfahrer, von den Fernsehmachern "nach draußen geschoben" werden sollte, sozusagen: Jugendlicher schiebt Rollstuhlfahrer während des Gesprächs durch Marzahn.

Wie kommen Sie darauf, dass Rollstuhlfahrer geschoben werden müssen? Und nach draußen möchte ich nicht, weil "Lebende Bücher" in der Bibliothek stattfindet.

Antwort Uwe Hoppe

Einen Tag zuvor gab es ein Interview bei Radio Eins. Die Marzahn-Hellersdorfer Zeitung hatte im Vorfeld berichtet, sonst Schweigen seitens der Regionalpresse. Schade!

Bibliotheken auf der Sinnsuche? Experimente bringen neue Erfahrungen. Oder wie Hans-Christoph Hobohm, Professor an der Fachhochschule Potsdam, schrieb:

Nicht das schwarze Loch Suchmaschine ist es, sondern die Aura des gesellschaftlichen Lebens. Nicht der Haufen gesammelter Medien und Informationen, sondern das, was damit und darin passiert, passieren könnte. Bibliothek als Medium eben.

Über eine Fortführung wird nachgedacht, "Lebende Bücher" und Besucher haben dies gewünscht.

Auf das positive Erlebnis einer gemeinsamen Projektidee eines Studenten und einer erfahrenen Bibliothekarin auf dem Gebiet der Öffentlichkeitsarbeit sei im Besonderen hingewiesen.

Maike Niederhausen und Niko Schachner

Projektkoordinatoren


Weitere Informationen (externe Links)


Auf dieser Seite kommen 4 Begriffe vor, die im Wörterbuch in Standardsprache erklärt werden. Das sind die Begriffe: Bibliothek, Medium, Diplomarbeit, Stadtbibliothek.

Auf dieser Seite kommen 6 Begriffe vor, die im Wörterbuch in leichter Sprache erklärt werden. Das sind die Begriffe: Bibliothek, Medien, Diplomarbeit, Stadtbibliothek, Interview, Informationen.