Der christliche Garten

Schreiberlinge und Illustratoren auf Wanderschaft

Am 7. Mai fand eine Zusammenkunft der besonderen Art statt.

Die jungen Autoren und Illustratoren trafen sich wie gewohnt am ersten Samstag des Monats um 14 Uhr in der Bezirkszentralbibliothek Mark Twain. Dort wurde ihnen das Thema "Christlicher Garten" genannt, das den Nachmittag bestimmen sollte.

Zunächst war die Phantasie gefragt. Wie stellt ihr euch einen solchen Garten vor? Bringt eure Vorstellungen zu Papier! Lasst in euren Geschichten oder Bildern in irgendeiner Form den Christlichen Garten eine Rolle spielen!

Zunächst machte sich große Ratlosigkeit breit. Im Gegensatz zu sonst schien ein großer Mangel an Ideen zu herrschen und nur zögerlich bewegten sich die Gedanken in diese Richtung. Doch so nach und nach versiegten die Gespräche und man hörte nur noch Stifte übers Papier huschen.

Eine Stunde später brachen wir auf zu unserer Wanderung in die Gärten der Welt, etwa 25 Minuten Fußweg lagen vor uns. Dort angekommen, schauten wir uns den Christlichen Garten in der Realität an, um ihn dann anschließend mit den Phantasieprodukten zu vergleichen.

Das Wetter konnte nicht besser sein, und so kamen wir auch in den Genuss der tanzenden Schatten-Buchstaben, die sich auf den Wegen tummelten. Ansonsten waren wir von der Schlichtheit des Gartens tatsächlich etwas überfordert, da wir völlig andere Vorstellungen hatten.

Wir bildeten einen Stuhlkreis auf der Wiese und alle lasen ihre Texte vor, zeigten die Bilder und diskutierten darüber. Wie immer sehr beeindruckend!

Ein Besuch des Irrgartens und ein leckeres Eis für jeden rundeten den Nachmittag ab.

Die Ergebnisse möchten wir hier präsentieren.

Der "Christliche Garten" in den Gärten der Welt

Gruppe der Schreibwerkstatt im Wandelgang des Christlichen Gartens

Seit 30. April 2011 lädt der "Christliche Garten" als jüngster und neunter Garten innerhalb der "Gärten der Welt" zum Staunen, Verweilen und insbesondere auch zum Lesen(!) ein.

Der Garten ist in zweijähriger Bauzeit nach einem Entwurf des Berliner Büros "relais Landschaftsarchitekten" entstanden.

Dieser ausdrucksvoll gestaltete Garten hat die christliche Kultur zum Inhalt. Der Kreuzgang ist zentrales Thema des Gartens, wurde modern interpretiert und zeigt Textpassagen aus der Bibel, aus Philosophie und Kultur.

Darin wird die Beziehung zwischen Mensch und Natur als auch der Garten als "Sinnbild" des abendländischen, christlichen Lebens dargestellt.

Der goldfarben lackierte, lichtdurchflutete Wandelgang umschließt einen quadratischen Innenhof, in dessen Mitte ein überquellender Wasserstein symbolisch für die Quelle des Lebens steht.

Immergrüne Gehölze und weißblühende Stauden vervollständigen das Herz des Gartens. Eine streng geschnittene etwa 4m hohe Hainbuchenhecke umgibt den Kreuzgang und schirmt so den Garten vom übrigen Parkgelände ab.

Der Christliche Garten verbindet vielerlei: anspruchsvolle moderne Architektur, Natur, Kultur und Religion, Besinnung und Erholung.

Geschichten aus der Schreibwerkstatt

Renate

Da hatte ich ja mal wieder eine blöde Idee.

Die armen Schreiberlinge sollten sich eine Geschichte ausgerechnet zum Thema "Christlicher Garten" ausdenken.

Als ob es keine interessanteren Orte hier in der Gegend gibt! Es war für alle fast eine Strafarbeit, und mit Sicherheit haben manche bereut, heute überhaupt hergekommen zu sein.

Die Gedanken und Ideen kamen nur langsam in Gang, und merkwürdige Musik verhinderte konzentriertes Schreiben. Aber schließlich brachte doch jeder was zu Papier und anschließend den anderen zu Ohren.

Dann machten wir uns auf den Weg zu den Gärten der Welt, um dort den Christlichen Garten zu suchen. Acht schreibende Schüler begleiteten mich.

Als wir die Bibliothek verließen, zählte ich nochmal durch. Es waren nur noch sieben! Melanie fehlte! Wir durchsuchten die ganze Bibliothek. Ganz leise hörte man sie "Hilfe!" schreien. Wo war sie bloß? Endlich konnten wir sie orten - im altersschwachen Fahrstuhl!

Sie wollte abkürzen und ist darin steckengeblieben. Leider konnten wir sie nicht befreien, weil der Strom ausgefallen war und der Hausmeister am Wochenende nicht verfügbar ist. Nun musste sie bis Montag warten!

Also ging ich mit den anderen sieben los. Als wir an der Dorfkirche Marzahn vorbeikamen, läuteten plötzlich die Glocken schrecklich laut, und danach fehlte Andreas! Aber wenn man ganz genau hinhörte, konnte man dumpf aus der Krypta jemanden gehässig lachen hören.

Was blieb uns übrig? Reduziert auf sechs liefen wir weiter, und am Eingang zu den Gärten der Welt konnte ich nur noch Jule und Benjamin entdecken. Wo waren die anderen vier?! Langsam bekam ich Panik, wollte aber mein Vorhaben durchziehen und begab mich mit den beiden in Richtung Christlicher Garten. Wir passierten einen Springbrunnen. Benjamin beugte sich über den Rand, um ein Foto zu schießen. Plötzlich schnellte eine grüne Hand aus dem Wasser, zog ihn hinein, und binnen Sekunden war die Wasseroberfläche wieder glatt, als wäre nichts geschehen. Von Benjamin keine Spur!

Nun war nur noch Jule übrig, die völlig verstört die Flucht ergriff. Sie wollte nicht auch noch auf mysteriöse Art verschwinden.

Alleine lief ich die letzten Meter und überlegte fieberhaft, wie ich das den Eltern erklären sollte. Als ich den Christlichen Garten betrat, fielen mir vor Staunen fast die Augen aus dem Kopf. In einem Wandelgang standen acht Skulpturen aus Marmor, die versteinerten Ebenbilder meiner verloren geglaubten Schreiberlinge! Auf einer Inschrift war zu lesen:

"Ehrenhain der berühmtesten deutschen Dichter des 21. Jh."

Andreas

Vor Äonen, als das Universum noch jung war, lange bevor die Zeit erfunden wurde und auch das Gute böse war, gab es eine Welt, bevölkert von Wesen, die für uns heute kaum noch vorstellbar sind, mit Fähigkeiten, die weit über das Vorstellbare hinaus gehen.

Die Avatare leiteten das Schicksal in die günstigsten Bahnen, die alles Schlechte von vornherein ausschlossen. Das Schicksal kontrollierte die Konklave, eine Organisation, bestehend aus den Mächtigsten der Gesellschaft, die die Avatare überwachten, um Störungen der Ordnung zu verhindern.

Das Leben verlief in geregelten, geordneten Bahnen, doch auch eine nahezu perfekte Welt hat ihren Nachteil. Sie gingen ihren Weg, den die Avatare wiesen, unfähig, die Entscheidungen zu treffen, von denen sie wussten, dass sie sie nicht treffen werden. Und es gab einige, die bereit waren, alles was sie hatten, all ihre Macht, ihr perfekt vorbereitetes Leben, selbst ihre Besten gegen das einzige einzutauschen, was sie nicht hatten.

Sie hinterließen mit den Menschen dieses größte Geschenk, mit dem wir uns bis heute herumschlagen müssen: freier Wille...

Olrik

Das Auge Gottes, Zeichnung: Junge steht ohne Kopfbedeckung vor 3 Kreuzen und schaut nach oben.

Es fing an mit dem wackligen Tisch.

Heute war mein erster Schultag an der neuen Schule. Ich hatte gar kein gutes Gefühl, als man mich in der Klasse sehr komisch ansah.

Der Lehrer sagte mir, dass ich mich der Klasse vorstellen solle. Ich ging nach vorne zu der Tafel, stellte mich genau in deren Mitte und erzählte - von meinem Namen bis zu meinem Berufswunsch.

Als ich fertig war, setzte ich mich auf den nächstbesten Stuhl und packte aus. Wir hatten Mathe, und ich merkte, dass mein Tisch furchtbar wackelte. Ich beschloss, diese Verkürzung des Tischbeins mit meinem Zeichenblock auszugleichen. Das Problem war nur, dass wir in der nächsten Stunde Kunst hatten und ich einen braunen Ring auf meinem Block hatte. Also zeichnete ich ein Auto mit braunen Reifen.

Nach dieser Kunststunde hatten wir Geo. Wir mussten über einen Garten in Berlin schreiben. Ich nahm den Christlichen Garten in den Gärten der Welt. Wir sollten uns vorstellen, wie dieser aussehen könnte. Super! Ich kannte jeden Garten, aber den Christlichen? Nein! Ich schrieb dann:

"Im Christlichen Garten steht ein großes Kreuz mit Jesus Christus, und die Blumenbeete haben die Form von Kreuzen. Dort steht ein Altar mit Gold- und Silberverzierung. Und eine Wiese gibt es, wo man sich vom Herrn segnen lassen kann.

Besucherzahlen im Jahr: 40-100 Leute. Man darf dort keine Hüte tragen, damit der Herr einem auf das Haupt und in die Seele schauen kann."

Ich glaube, meine Lehrerin lässt mir das nicht durchgehen. Aber ich bin voller Hoffnung, dass sie mich das nicht nochmal schreiben lässt.

Benjamin

Angriff der Pollen, Zeichnung, Pollen fliegen um einen niesenden Jungen.

Heute.

Heute wird er stattfinden.

Unser Angriff.

Unsere Rache.

Heute.

Heute werden wir gewinnen.

Und die jämmerliche Menschheit wird uns unterlegen sein.

Seit Jahren spritzen sie sich seltsame Stoffe und nehmen Tabletten, die letztendlich doch die selbe Wirkung wie Placebo haben.

Doch das wird ihnen heute nichts nützen.

Sie werden sich auf dem Boden wälzen, das Tränenwasser wird ihnen bis zu den Knien stehen und sie werden sich wünschen, ohne Nase auf die Welt gekommen zu sein.

Einigkeit macht stark, und nur gemeinsam können wir die Menschen bezwingen.

Und der liebe Gott wird ihnen diesmal nicht helfen.

Denn wir sind stärker.

Heute jedenfalls.

Die Pollen.

Laura

Die Tiere rannten zum Zentrum des Garten Eden, denn die Truppen Satans nahten, um die Welt zu zerstören.

Doch Gabriel stellte sich der Übermacht in den Weg und schlug die Ketzer in die Flucht.

Satan gab sich nicht geschlagen und schickte die Nymphilin Lea, um Gabriel zu töten. Gabriel konnte sie nicht abwehren und kam elend um. Satans Truppen fielen wieder in den Garten Eden ein und zerstörten ihn.

Anna

Jesus und die Magie, Zeichnung, Bild von Jesus vor einem Spielball

Im Christlichen Garten von den Gärten der Welt spielte sich vor ein paar Monaten eine folgenreiche Geschichte ab.

Marie-Lou und ein cooler Typ namens Roy machten einen Ausflug in die Gärten der Welt. Ihnen gefiel es dort sehr, denn sie konnten zum Beispiel auf der Wiese Ball spielen.

Schließlich kamen sie zum Christlichen Garten. Irgendetwas kam ihnen an diesem Garten unheimlich vor. Marie-Lou sprach schließlich das aus, was sich die beiden schon die gesamte Zeit über gedacht hatten.

"Spürst du dieses merkwürdige Gefühl auch, als würde von diesem Ort eine magische Kraft ausgehen?"

Roy antwortete darauf: "Ja, irgendwie schon!"

Beide glaubten an Magie und alles, was mit diesem Thema zu tun hatte.

Urplötzlich löste sich Marie-Lou in Luft auf. Roy schrie: "Marie, wo bist du?!"

"Ich bin hier, genau vor dir!"

"Aber ich sehe dich nicht!"

Roy stellte sich auf den Stein, auf dem eine Abbildung von Jesus zu sehen war und plötzlich war Marie-Lou wieder da.

Roy war so froh, dass er seine Marie wieder hatte, und beide schworen sich, nie wieder in diesen Garten zu gehen.

Melanie

Teuflische Wut; Zeichnung, Wütendes kleines Teufelsmädchen

Satan wollte zum Garten Eden, um ihn zu zerstören.

Er hasste Gott und seine Anhänger und wollte ihnen schaden und sie ärgern.

Er hatte seinen Sohn Damien dabei, der mit seinen Gedanken ganz woanders war. Er machte sich Sorgen um seine kleine Schwester, die zu Hause bleiben musste. Sie regte sich immer so sehr auf und zerstörte den ganzen Palast.

Damien erinnerte sich an gestern, als Satan zu ihm sagte:

"Damien, wir werden morgen aufbrechen und du wirst mitkommen, hast du verstanden?!"

"Jawoll, Vater!!", antwortete er und drehte sich zu seiner Schwester um, die ihn zornig ansah und kurz vorm Wutausbruch stand.

Jule

Als ich kleiner war, erzählte mir meine Großmutter, anders als andere Großmütter, immer vom Christlichen Garten. Sie stellte ihn als Paradies dar. Für Christen wie mich ist es das Größte, ihn eines Tages zu finden. Meine Mutter starb auf der Suche nach ihm, und das Einzige, was mir blieb, war meine Großmutter, mein Glaube und die Hoffnung auf den Garten. Großmutter erzählte mir vieles darüber.

Seit Jahrhunderten hatte ihn keiner mehr gesehen. Er war wie vom Erdboden verschluckt. Einfach verschollen. Mehrere tausend Christen haben versucht, ihn zu finden. Sie verschwanden oder wurden tot aufgefunden ohne eindeutige Todesursache.

Großmutter meint, es sei Selbstmord, ihn zu suchen. Sie war schlau genug, es nicht zu tun, doch ihre eigene Tochter konnte sie nicht davor bewahren. Es gab immer irgendwelche Idioten, die dachten, dass sie die Auserwählten seien und es schaffen könnten.

Nun, meine Mutter wurde tot gefunden. Und wer entdeckte sie? Ich...im Alter von 13 Monaten. Obwohl ich so klein war, erinnere ich mich noch genau daran. Aus den Predigten meiner Großmutter hatte ich gelernt, niemals danach zu suchen. Ich stellte mir den Ort oft vor und wie ich ihn finde - als Erste seit langem. Aber ich hatte Angst und wollte es eigentlich nicht. Aber ich stolperte rein, irgendwie. Ich weiß nicht mehr, wie das passierte, aber plötzlich war ich da. Und es war besser, als ich es mir jemals hätte vorstellen können. Meine Großmutter wusste viel, aber nicht, wie der Ort aussah. Man kann es als Christ nicht in Worte fassen.

Es ist einfach das Paradies.

Mandy

Der perfekte Moment, Zeichnung, Eine perfekte Welt unter einer Käseglocke.

Die Sonne strahlt auf mich nieder,

Butterblumen umringen mich,

denn ich liege im Gras.

Der Himmel ist blau

und die Wolken von einem gesättigten Weiß.

Die Luft vom Summen der Insekten erfüllt.

Ich schließe die Augen,

da die Sonne mich blendet.

Die Welt scheint mir

zumindest für den Moment perfekt.

Illustrationen in den Geschichten © Antje Püpke