Besetzt

geschrieben von Vivian

"Oh nein, nein, nein, alles nur das nicht! Bitte nicht, es darf nicht besetzt sein!", schluchzte ich und drückte dann auf den roten Knopf. Erst betrog mich mein Freund und dann war bei meiner besten Freundin Natalie auch noch besetzt! Ich ließ das Handy aufs Sofa plumpsen und schnäuzte mich kräftig. Wer soll mir denn jetzt gut zureden?!

Erneut griff ich zum Handy - und wieder war besetzt.

Ich drückte mich vom Sofa hoch und torkelte durch meine Wohnung zum Badezimmer. Ein Tränenschleier verhinderte, dass ich mich im Spiegel sehen konnte. Meine Wimperntusche war eh’ verschmiert, also rieb ich mir die Augen. Jetzt sah ich mein erbärmliches Spiegelbild: schwarze Kreise um meine Augen und schwarze Tränen zogen sich über meine Wangen. Alles wegen diesem Arsch! Wie konnte er mir so was nur antun?!

Ich beugte mich zum Waschbecken und ließ kaltes Wasser über mein Gesicht laufen. Es tat gut, es spülte die Wimpertusche weg, schwarzes Wasser floss zum Abfluss und verschwand. Aber das beruhigte mich auch ein wenig. Endlich ein paar klare Gedanken. Ich griff zum Handtuch und trocknete mein Gesicht. Ich sah ein wenig besser aus, aber ich machte immer noch einen verzweifelten Eindruck. Ich sah mich im Badezimmer um, da sah ich es.

Sein Foto auf der Kommode. Ja, ich weiß, dass es seltsam ist, dass auf der Badezimmerkommode ein Foto steht, aber in diesem Augenblick war es perfekt.

Ich würde diesen Mistkerl aus meinem Leben streichen und bei seinem Foto anfangen!

Zielsicher nahm ich es hoch und ließ es dann in den Mülleimer fallen. So, jetzt ging es mir ein wenig besser. Ich ging ins Wohnzimmer zurück und nahm das Handy. Dann wählte ich Natalie Nummer und presste den Hörer gegen mein Ohr. "Komm schon.", betete ich im Stillen. Und dann, nach einer Ewigkeit wie mir erschien, kam das erwartete- Besetztzeichen.

"Verdammt noch mal!", ich knallte das Handy auf den Boden. Es hüpfte einmal kurz vom Flauschteppich zurück und verschwand dann unterm Sofa. Ich lief zum Fenster und starrte hinaus in den sonnigen Mittag. Bei Natalie war besetzt, aber ich konnte doch jemand anderen anrufen!, schoss es mir durch den Kopf. Meine Mutter? Nein, die würde das nicht verstehen, aber meine Schwester schon! Natürlich! Meine geliebte Schwester! Voller Hoffnung krabbelte ich auf dem Teppich herum und fischte nach meinem Handy. Als ich es hatte, wählte ich die Nummer meiner Schwester. Es war besetzt.